Interview mit Marita Böhme vom MTV

Interview mit Marita Böhme vom MTV

"Viele wissen einfach nicht, dass es mich hier gibt“

Maritta Böhme tanzt seit 1971. Von den ersten Schritten an wuchs ihre Begeisterung für den Tanzsport immer weiter an – bis heute. Seit 1988 ist die Detmolderin nun auf der Ostalb, genauso lange ist sie bereits Mitglied beim MTV Aalen. Doch Tänzer sind rar geworden beim MTV. Mit ihrer Leidenschaft möchte Böhme nun die Bürger wieder zum Tanz bewegen. „Tanzen kann jeder, wir können ja auch laufen“, sagt sie lachend. Wir unterhielten uns mit der 59-jährigen Physiotherapeutin.

 

Sind Sie tatsächlich im Jahr Ihrer Ankunft auf der Ostalb dem MTVbeigetreten?

Ja, natürlich. Da mein Mann an der Klinik zahlreiche Wochenenddienste hatte und ich nun einmal vom Tanzen komme, musste eine Lösung her. So bin ich dem MTV beigetreten, um dennoch weiter tanzen zu können. Wir sind über Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und Berlin hier runter und ich habe in jedem Bundesland getanzt. Ich kann mir ein Leben ohne tanzen überhaupt nicht vorstellen.

Wie sind Sie denn zum Tanz gekommen?

Meine Eltern haben schon getanzt und ich hatte meinen Abschlussball dort gemacht, wo meine Eltern aktiv waren. Mir hat es sehr gefallen und meine Eltern fanden es natürlich auch toll. Von da an, das war 1971, habe ich immer weitergemacht. Seit 1974 habe ich dann auch Turniere getanzt.

In dieser langen Zeit werden Sie sicherlich so manches erreicht haben...?

Damals musste man als Dame bei einem Partnerwechsel wieder in die untere Klasse. Ich bin somit häufiger in die Hauptgruppe A Standard aufgestiegen. Über der A-Klasse gibt es dann nur noch die S-Klasse. Da bin ich leider nie hingekommen, weil wir dann immer wieder umgezogen sind (lacht). Ich musste dann häufig wieder von unten anfangen, immer war irgendetwas - Studium, Umzug oder Beruf. Mein Traum wäre schon einmal die S-Klasse gewesen – aber man darf ja Träume haben. Im Lateinbereich ging es immer bis kurz vor die B-Klasse.

Wie sind Sie mit dieser Enttäuschung umgegangen?

Enttäuschung ist ein großes Wort, ich würde es eher Ärger nennen. Ich habe dann einige Trainerlizenzen gemacht und bin dann irgendwann beim Tanzsportverband Baden-Württemberg gelandet, wo ich seit 2007 im Präsidium sitze. Dort bin ich eigenverantwortlich tätig für den Breitensport und das deutsche Tanzsportabzeichen für ganz Baden-Württemberg.

Das hört sich nach ganz schön viel Verantwortung an?

Das stimmt, das ist allerhand. Und – nicht zu vergessen: Baden-Württemberg ist das führende Bundesland beim Breitensport im Tanz.

Wieviel Zeit verschlingt das etwa, speziell für den Tanzsportverband?

Ich sitze eigentlich jeden Tag bis zu vier Stunden am Rechner, alles im Ehrenamt.

Was hat sich denn seit 1988 alles verändert beim MTV?

Damals hatten wir noch Turniertanzpaare, das ist Mitte der Neunziger dann immer weniger geworden. Wir hatten aber damals schon dafür gesorgt, dass Tanztrainer Thomas Züfle aus Stuttgart regelmäßig zum MTV kommt, als Anreiz für die Ehemaligen und vor dem Hintergrund, dass es vielleicht auch wieder in die andere Richtung gehen könnte. Ich hoffe schon, dass beim MTV auf der Wettkampfschiene nochmal etwas passieren wird.

Wie können Sie die Leute wieder zum Tanzsport bewegen?

Eckhart von Hirschhausen macht derzeit die beste Werbung für uns, wenn er sagt: Leute, geht zum Tanzen. Ihr braucht das Hirn, ihr habt Geselligkeit und ihr benötigt jeden einzelnen Muskel im Körper und müsst euch außerdem noch etwas einprägen.

Würden Sie diesbezüglich auch verschiedene Kurse anbieten können?

Ja klar. Beispielsweise den Seniorentanz. Völlig egal, wie viele Männer und Frauen da sind. Früher hatten die Frauen die Überhand, neulich hatte ich an der Sporthochschule in einem Kurs neun Männer und Frauen. Immer mehr Männer gehen dem Seniorensport nach. Ich kann sehr gut mit älteren Leuten, das ist schließlich mein tägliches Brot als Krankengymnastin. Ich würde das sehr gerne anbieten, eine Zeit habe ich seitens des Vereins schon eingeräumt bekommen. Wir könnten sofort damit starten.

Was muss man sich unter Seniorentanz vorstellen?

Das macht unglaublich viel Spaß. Das geht von einfachen Tänzen im Kreis, in der Gasse im Square bis hin zu Tänzen im Sitzen - einfach alles, was ich anbieten kann.

Woran machen Sie den Rückgang an Tänzern im Allgemeinen fest?

Vielleicht sind wir in der Vermarktung nach außen nicht gut genug, ich verstehe es nicht. Die Tanzschulen in Aalen laufen super und die machen das auch klasse. Mir geht es aber um den Verein. Viele wissen einfach nicht, dass es mich hier gibt. Bei uns läuft fast alles per Mundpropaganda

Jetzt tanzen Sie ja recht gut, warum kommt denn dann alle 14 Tage Tanzlehrer Thomas Züfle extra aus Stuttgart angereist?

(lacht) Weil ich auch mal tanzen möchte. Mein Tanzpartner ist seit 1998 Harald Krauß, da mein Mann nicht regelmäßig Zeit hatte damals. Außerdem möchte ich, dass meine Leute die Möglichkeit haben, auch bei einem anderen Trainer Unterricht zu nehmen.

Sie bieten Breitensportgruppen an. Kann da wirklich jeder kommen?

Ja, definitiv, das ist ja mein Ziel. Bei uns hilft jeder jedem. Die, die schon länger dabei sind, helfen denen, die frischer dabei sind, das ist ein freies Training. Außerdem habe ich eine sehr gute Allround-Ausbildung und durch meine Tätigkeit im Präsidium des TBW bekomme ich neue Trends schnell mit. Und: Bei mir wird auch getauscht, da tanzt keiner zwei Stunden mit seinem Partner. Man kommt nur weiter, wenn man mal einen anderen im Arm hatte. Natürlich tanze ich als Trainerin auch mit all meinen Tänzern und Tänzerinnen.

Was machen Sie den mit absolut talentfreien Menschen, die dennoch Spaß am Tanz haben?

(lacht) Die bekomme ich, das können Sie mir glauben. Meistens sind das die Männer. Da müsste schon viel passieren, dass es wirklich nicht klappt. Wir tanzen auch mit Bällen, mit Stäben oder Luftballons, ganz egal. Die Leute sollen sich einfach bewegen. Die Frauen bekommen eingebläut, dass der Mann der Chef ist. Und wenn er es schlechtmacht, dann hat die Frau das genauso schlecht mitzumachen beziehungsweise soll sie dann den Mann gut aussehen lassen. Ich bekomme auch die Talentfreiesten (lacht).

Ist der Verein denn grundsätzlich für die Zukunft im Tanzsport gerüstet?

Ich denke ja, aber genau das ist der Punkt. Ich werde 60, ich muss allmählich auch an einen Nachfolger denken. Ich brauche jemanden, der das mal übernimmt, zumindest aber erst einmal Lust hat, mir dabei zu helfen. In Karola Rix setze ich meine Hoffnung. Sie kommt aus meiner Breitensportgruppe und ist dabei, ihre Trainerlizenz zu erwerben. Sie hat im Februar 2017 ihre Prüfungen an der Landessportschule in Albstadt und steigt hoffentlich bei mir ein. Das ist eine klasse Frau. Die Voraussetzungen unsererseits sind somit gegeben.

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